„Weil unser Herz unruhig und leider selten ganz bei sich selbst ist, darum sind die Bilder gemacht, damit der Mensch sein Herz finde. Wenn er nämlich mit den körperlichen Augen das Gemalte ansieht, dass er dann die inneren Dinge des Herzens finde und sich auf die Dinge besinne, die er gemalt vor sich sieht.“
Diese Worte sind weise und von großer Bedeutung. Die Bilder dienen als Spiegel für unser Herz und bringen uns dazu, über unsere inneren Angelegenheiten nachzudenken. Wenn wir die visuelle Darstellung betrachten, werden unsere Geister hoffentlich von den äußeren Ablenkungen befreit und wir können uns auf die tiefen Wahrheiten und Botschaften konzentrieren, die sie repräsentieren. Mögen wir stets danach streben, die inneren Dinge unseres Herzens zu erkennen und uns auf das zu besinnen, was uns durch die Bilder enthüllt wird.
Diese Worte, die ich zitiere stammen von Bernhard von Clairvaux, einem bedeutenden Gelehrten und Heiligen des 12. Jahrhunderts. Bernhard war ein Mönch des Zisterzienserordens und einflussreicher Theologe seiner Zeit. Seine Schriften umfassen zahlreiche Predigten und Briefe, in denen er den spirituellen Weg betont und auf die Bedeutung der Selbstreflexion und des Findens des Herzens hinweist. Seine Worte inspirieren und ermutigen uns bis heute, uns auf die inneren Dinge zu besinnen.
Mein wunderbares Zitat, das eine Brücke schlägt zwischen mittelalterlicher Mystik und moderner Psychologie. Es ist faszinierend zu sehen, wie Bernhard von Clairvaux bereits im 12. Jahrhundert (auch wenn die Wirkung bis ins 13. Jahrhundert und darüber hinaus reichte) erkannte, dass der Mensch ein visuelles Wesen ist, das Anker in der Außenwelt braucht, um die Innenwelt zu verstehen.
Die Brücke zwischen Auge und Seele
Bernhard von Clairvaux beschreibt hier etwas, das wir heute als „Fokussierung“ bezeichnen würden. In einer Zeit, die wir uns oft als still vorstellen, war das menschliche Herz offenbar genauso „unruhig“ wie heute. Der Lärm war vielleicht ein anderer, aber die innere Zerstreuung ist ein zeitloses menschliches Problem.
1. Das Bild als Sammelpunkt
Die „körperlichen Augen“ sind oft unsere größten Ablenker – sie wandern, suchen Reize und führen uns weg von uns selbst. Bernhard schlägt eine geniale Umkehrung vor: Das Auge soll nicht das Fenster sein, durch das wir flüchten, sondern der Kanal, durch den wir zurückkehren. Das Bild dient als optisches Gebet, das den rastlosen Geist an einen Ort bindet.
2. Vom Abbild zum Urbild
Für die Menschen des Mittelalters war Kunst kein bloßer Dekor. Ein Gemälde oder eine Skulptur war ein Symbol:
- Es zeigt das Gemalte (die Oberfläche).
- Es meint das Innere (die Wahrheit). Wenn wir heute ein Kunstwerk betrachten und dabei plötzlich eine tiefe Resonanz spüren, geschieht genau das, was Bernhard beschreibt: Das Bild im Außen „entsperrt“ ein Bild in unserem Inneren.
3. Die Aktualität: „Bilderflut vs. Bilderandacht“
Heute leben wir in einer Zeit der totalen visuellen Überreizung. Wir sehen tausende Bilder am Tag, aber wir „besinnen“ uns auf keines. Bernhard von Clairvaux lehrt uns eine verlorene Kunst: Das schauende Verweilen. Er lädt uns ein, die Bilder nicht zu konsumieren, sondern sie als Spiegel zu nutzen.
Ein kleiner Faktencheck (im Geiste von Bernhards Klarheit)
Obwohl Bernhard von Clairvaux die spirituelle Kraft der Bilder für das einfache Volk und die Laien anerkannte, war er innerhalb seines eigenen Ordens (den Zisterziensern) paradoxerweise ein Verfechter der Askese und Schlichtheit. Er kritisierte oft den Prunk in anderen Klöstern. Dieses Zitat zeigt jedoch seine tiefe Empathie für die menschliche Natur: Er wusste, dass wir „schwachen“ Menschen Hilfsmittel brauchen, um unser Herz überhaupt erst finden zu können.
„Das Bild ist der Stumme, der für uns spricht, wenn uns die Worte für unser Innerstes fehlen.“

