Die Wächterin von Carcassonne –
Die Legende der Dame Carcas
Wer heute durch die mächtige Porte Narbonnaise in die mittelalterliche Cité von Carcassonne schreitet, wird von ihr persönlich begrüßt: Eine steinerne Büste zeigt eine Frau mit einem sanften, fast wissenden Lächeln. Es ist Dame Carcas – die Frau, die ein ganzes Heer mit einem einzigen Schwein besiegte. Dame Carcas ist die legendäre Heldin von Carcassonne.
Eine Stadt am Abgrund
Wir schreiben das 8. Jahrhundert. Die Stadt steht unter sarazenischer Herrschaft, doch vor den Mauern tobt der Krieg. Karl der Große belagert die Festung bereits seit fünf Jahren. In der Stadt herrscht Verzweiflung: Fürst Balaak ist gefallen, die Vorräte sind aufgebraucht, und der Hunger nagt an den Einwohnern.
Nach dem Tod ihres Mannes übernimmt die Witwe, Dame Carcas, das Kommando. Sie weiß: Mit Schwertern kann sie diesen Krieg nicht mehr gewinnen. Sie braucht eine Täuschung.

Die geniale List
Um den Belagerern vorzugaukeln, die Stadt sei noch immer im Überfluss, griff sie zu einer absurden, aber brillanten Maßnahme:
- Die Mast: Sie suchte das allerletzte Schwein der Stadt und fütterte es mit dem letzten Sack Getreide, den sie finden konnte.
- Der Wurf: Vor den Augen der verblüfften fränkischen Soldaten ließ sie das gemästete Tier von der hohen Stadtmauer werfen.
- Die Wirkung: Als das Schwein am Boden aufschlug und der Magen voller kostbarem Getreide platzte, waren die Belagerer schockiert.
Karl der Große zog den Schluss, den Dame Carcas beabsichtigt hatte: „Wenn sie es sich leisten können, ihre Schweine mit reinem Korn zu mästen, während wir hier draußen hungern, müssen ihre Lager für Jahre gefüllt sein.“
„Carcas sonne!“
Entmutigt gab der Kaiser den Befehl zum Rückzug. Als Dame Carcas sah, wie die Truppen abrückten, ließ sie vor Freude alle Glocken der Stadt läuten. Ein Knappe Karls soll daraufhin gerufen haben:
„Sire, Carcas sonne!“ (Herr, Carcas läutet!)
Aus diesem Ausruf soll der Legende nach der Name der Stadt entstanden sein.
Mythos vs. Realität
Auch wenn die Geschichte heute jeden Touristen begeistert, hält sie einem historischen Check nicht ganz stand:
- Der Name: „Carcassonne“ leitet sich vom antiken Namen Carcaso ab, der schon lange vor dem 8. Jahrhundert existierte.
- Die Büste: Die Figur am Tor ist eine Replik; das Original aus dem 16. Jahrhundert ruht sicher im Inneren des Schlosses.
Dennoch bleibt sie das Herz der Stadt: Ein Symbol dafür, dass Intelligenz und psychologische Finesse oft mächtiger sind als rohe Gewalt.

